Thorheiten

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:


Wie viel Hass und Verachtung passt auf einen kleinen Klebezettel?

Nicht nur dieser Frage geht das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln in seiner aktuellen Sonderausstellung "Angezettelt – antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute" nach. Doch bereits deren Beantwortung anhand einer Vielzahl von historischen und aktuellen Aufklebern lässt staunen – und weiter fragen: Hat es bereits früher vergleichbare Entwicklungen zunehmender "Verrohung" gegeben, wie sie heute zum Beispiel in den Kommentarspalten unter bestimmten Artikeln oder in so genannten "sozialen Netzwerken" wahrgenommen – und vielleicht sogar durch die Propaganda im Aufkleber-Format mit heraufbeschworen und verstärkt wird?

Es klingt immer wieder zu verführerisch, um wahr zu sein: Ein Politiker möchte eine Steuererklärung auf einem Bierdeckel ausrechnen, eine Kommunikationsdesignerin die Kernbotschaften der Bibel im selben Format verbreiten. Auf wenigen Quadratzentimetern soll ganz Wesentliches zum Ausdruck gebracht werden, den Leser bewegen, empören, und doch auch in Sicherheit wiegen: Im Grunde wäre alles gar nicht so kompliziert – wenn nur das Richtige unternommen würde. Bei den kleinen Exponaten, die aktuell im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln zu sehen sind, geht es jedoch nicht um weniger Last mit der Steuer oder gar um Nächstenliebe. Im Gegenteil: Sie dien(t)en vor allem der propagandistischen Etablierung und Festigung von Weltbildern, die auf dem simplen Prinzip "wir gegen sie" fußen. Zusammengefasst: Ohne die "ewigen Fremden", also die Juden, Neger, Dunkelhäutigen, Ausländer, Flüchtlinge, Kommunisten, Sozialdemokraten oder andere "Volksverräter" wäre Deutschland viel besser aufgestellt – vielleicht sogar ein Paradies auf Erden. Den Traum von einem durch Konsum nahezu sorgenfreiem Leben vermitteln auch einige unpolitische Werbe-Aufkleber, die ebenfalls in der Sonderausstellung zu sehen sind. Sie veranschaulichen, an welche naiven Vorstellungen und Lebensentwürfe menschenverachtende Propaganda anknüpfen kann. Nicht nur in dieser Hinsicht lohnt der Besuch der Sonderausstellung: Die Auswahl der Klebezettel ist in vielerlei Hinsicht sehenswert, nicht zuletzt im Hinblick auf ihre Verwendung im Briefverkehr vor rund hundert Jahren. Diese forciert eine Ahnung, inwiefern selbst kleine, zunächst vielleicht harmlos oder gar lächerlich anmutende Klebezettel eine negative Weltwahrnehmung verstärken können: Eine Wahrnehmung, in welcher sich Menschen in ihren Ängsten und Sorgen, sowie in ihrer Ablehnung und Verachtung anderer Menschen bestätigt, letztlich sogar zur Gewalt wider sie motiviert fühlen.
Es liegt in der Natur von Aufklebern, dass sie kaum Raum für Subtiles bieten, ergo gerät die Darstellung von Feindbildern bis heute meistens eher plump. Umso rührender muten manche Aufkleber an, mit welchen die antisemitischen Botschaften in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts entkräftet werden sollten, indem sie zum Beispiel hervorragende Leistungen ausgewählter jüdischer Menschen betonten – und wahrscheinlich den Hass der Hetzer noch bestärkten. Bereits damals entbrannte offenbar ein nicht zuletzt mit Klebezetteln geführter Propaganda-Krieg auf den Straßen, der sich in der Gegenwart ähnlich fortzusetzen scheint. Mit dieser Erkenntnis werden hoffentlich zahlreiche Besucher der Sonderausstellung nun Laternenpfähle, Stromkästen und weitere beklebte Flächen in ihrer Umgebung mit anderen Augen sehen – und sich vielleicht auch etwas besser in jene Menschen einfühlen können, die als Sündenböcke karikiert, vorgeführt, "entlarvt" und zur Zielscheibe von Fremdenhass gemacht werden.

Was für die Klebezettel gilt, trifft auch auf die Ausstellung zu: Es mangelt letztlich an Differenzierung; weniger in der Präsentation zahlreicher Aufkleber, als in der Behandlung ihrer Inhalte und Botschaften. Eine entscheidende Frage wird angesichts der Grobschlächtigkeit vieler transportierter Vorurteile und Lügen glatt vergessen: Ob nicht einzelne der Klebezettel zumindest so etwas wie Teilwahrheiten präsentieren – was sie wiederum vielleicht noch anschlussfähiger an einen common sense und somit noch gefährlicher machen könnte? Vielleicht vertraut das NS-Dokumentationszentrum jedoch auch auf die kritische Auseinandersetzung seiner Besucher mit einem würdelosen Wust an Menschenverachtung und Hass, der offenbar seit mindestens 140 Jahren zur politischen Unkultur gehört und wahrlich niemandem zur Ehre gereicht. So oder so, die Sonderausstellung reflektiert maßlose Überheblichkeit sehr anschaulich und eindringlich.



Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü