Thorheiten

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Lieber Jens Spahn,

vor drei Wochen besuchte ich die Counselling Conference Cologne, auf der mehrere der Referent*innen aktuelle Studien und Prognosen der WHO zitierten. Der irische Gesundheitsexperte Naoise Kelly, Geschäftsführer der International Association for Counselling (IAC), stellte in Anlehnung an jene Studien skizzenhaft dar, dass aktuell ein Fünftel der Menschheit psychische Erkrankungen erlebt, und dass diese seelischen Leiden wiederum andere Probleme begünstigen. Unter den 15- bis 29jährigen ist Suizid die zweithäufigste Todesursache. Depression wird anno 2020 aller Voraussicht nach die häufigste psychische Erkrankung von Kindern darstellen. Damit sollte klar sein, dass wir uns gesellschaftlich hoch relevanten Herausforderungen gegenübersehen, und dass ein riesiger Hilfebedarf bei  akuten wie chronifizierten seelischen Erkrankungen besteht. Der Bedarf ist in der Tat so enorm hoch, dass er bei Weitem nicht ausschließlich von professionell ausgebildeten Fachkräften abgedeckt werden kann. Nicht von ungefähr fand die Konferenz daher unter dem Titel "Ressourcen-Orientierung und Peer Support" statt. Eine der Leitfragen dieser Tage: Wie können wir psychisch belastete und kranke Menschen befähigen, sich gegenseitig zu helfen? Ja, Sie verstehen das richtig: Weil es an professioneller und auch semi-professioneller Hilfe mangelt, sollen sich Menschen je nach Problemlage mit Ihresgleichen an den Haaren aus dem Sumpf ziehen. Hier und da scheint das erstaunlich gut zu klappen (da ließe sich vielleicht sogar was einsparen...).

In den vergangenen Jahren habe ich wiederholt erlebt, dass Menschen, die keine passende Hilfe finden, sich zum Suizid entschließen. Das ist umso bitterer, da einige dieser Menschen ihre Not auf die eine oder andere Weise unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, sich selbst eingewiesen, ja, sogar ihren Suizid angekündigt hatten. Doch in Psychiatrien, die offenbar unter dem Druck wirtschaftlicher Effizienz arbeiten (müssen?), oder bei überforderten Fachärzten, die oft nicht die nötige Zeit aufbringen (können?) und mitunter kein Interesse an "zu schwierigen" Patienten haben, können manche der Erkrankten längst keine fundierte Hilfe mehr erwarten. Sie ahnen es: Wer genauer hinsieht, den kann die steigende Zahl an Suiziden kaum überraschen. Fürwahr, es findet eine, wenn Sie so wollen, "natürliche Auslese" statt: Wer seelisch erkrankt, jedoch noch nicht ganz am Ende der eigenen Kräfte angelangt ist, den können Einblicke in Psychiatrien, oder Ausblicke auf monatelange Wartezeiten bis zu einem Erstgespräch beim Therapeuten tatsächlich motivieren, das Leben doch lieber auf eigene Faust und/oder mit der Hilfe anderer Menschen besser in den Griff zu bekommen, anstatt im Trübsal zu versinken. Wer hingegen keine Kräfte mehr aufbringen, und nicht auf Familie oder Freunde setzen kann, der stirbt gegebenenfalls verzweifelt in als ausweglos wahrgenommenen Lebenskrisen. Es bedarf keiner außergewöhnlichen Empathie, um sich auszumalen, welche Überwindung es die meisten von uns kosten mag, sich eigene seelische Nöte einzugestehen und Hilfe nachzufragen. Und es bedarf keiner Küchenpsychologie, um sich vorzustellen, wie ermutigend die Auskunft ist, dass ein Erstgespräch beim Therapeuten in einigen Monaten, vielleicht auch erst in einem knappen Jahr stattfinden kann. Sie wissen sicher, wie das mit der Versorgungsdichte auf dem Lande ist.

Vielleicht können Sie sich als gesunder Minister jedoch nur schwer in die Lage von Menschen hineinversetzen, die ihre Seelen einem anderen Menschen – mindestens ein Stück weit – offenlegen, weil sie sonst einfach keinen Rat mehr wissen; mit Sicherheit bereits einige mühevolle Schritte unternommen haben, um besser zurecht zu kommen. Nun sollen ausgerechnet diese Menschen, bevor sie die eigentliche therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen können, einem vorgeschalteten Diagnostiker Rede und Antwort stehen, um dann nach dessen Einschätzung – und nicht nach eigener Wahl – einer/m Therapeut*in zugewiesen zu werden. Lieber Herr Spahn, das fühlt sich nicht nur so an, sondern das bedeutet auch nichts anderes als: "Wir wissen besser als Sie, wer die/der richtige Ansprechpartner*in für Sie ist." In einer ohnehin bescheidenen Lebenslage kommt eine solche Botschaft einem weiteren Nagel am Sarg gleich, den einige seelisch kranke Menschen ja ohnehin bereits in ihrem Oberstübchen zimmern...

Als ich vor einigen Jahren selbst Hilfe suchte, traf ich bei dieser Suche auf einige Gegenüber, bei denen mir intuitiv klar war: Hier möchte ich mich nicht öffnen. Denn nicht zu jedem professionellen Helfer lässt sich flugs Vertrauen aufbauen. Dabei ist im therapeutischen Prozess nichts so wichtig wie das grundsätzliche Vertrauen. Ist es nicht vorhanden, sind alle weiteren Aspekte, also z.B. die Behandlungsmethode(n) ohne Belang, denn die Behandlung wird ohnehin nicht gelingen. Hilfe suchenden Menschen die freie Wahl des Therapeuten – unter je nach Wohnort ohnehin alles andere als rosigen Rahmenbedingungen – zu nehmen und durch eine Zuweisung "von oben herab" ersetzen zu wollen, ist vor allem eine Entmündigung, und somit eine (weitere) Kränkung in einem schwierigen Lebensabschnitt.

Ich bitte Sie daher, von Ihrem Gesetzentwurf zum Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) Abstand zu nehmen. Unternehmen Sie bitte stattdessen auf gesundheitspolitischer Ebene Schritte, die es seelisch erkrankten Menschen erleichtern, fundierte therapeutische Hilfe zu erhalten, ohne darauf quälend bis tödlich lange warten zu müssen.

Mit freundlichen Grüßen,

Thor W.

Köln, den 12.12.2018

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