Exklusion - Thorheiten

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Angst vor der Ansteckung: Der Wunsch nach Exklusion der "Behinderten"

Mit einer kleinen Anfrage im Bundestag sowie mit Äußerungen in Folge eines Antrags im saarländischen Landtag offenbaren Vertreter der AfD ihr Unvermögen oder ihren Unwillen, "Behinderung" als soziale Normalität anzuerkennen. Stattdessen demonstrieren sie Ignoranz und das, wovon sie am Meisten zehren: Der Angst vor dem (vermeintlich) Fremden.

Am 22. März 2018 stellen Nicole Höchst, Franziska Gminder, Jürgen Pohl, Verena Hartmann und die Fraktion der AfD eine kleine Anfrage im Bundestag, konkret die folgenden sechs Fragen:

1. Wie hat nach Kenntnis der Bundesregierung sich die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahre, 18 Jahre bis 65 Jahre sowie die Anzahl der schwerbehinderten Menschen über 65 Jahre von 2012 bis 2017 entwickelt (bitte nach Jahren und Altersgruppen aufschlüsseln)?
2. Welche Hauptursachen für Schwerbehinderung gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung, und haben sich die Ursachen für Behinderungen seit 2012 verlagert? Wenn ja, von wo, wohin und warum?
3. Welche Gründe sind nach Kenntnis der Bundesregierung für die Verlagerung ursächlich?
4. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahl der Behinderten seit 2012 entwickelt, insbesondere die durch Heirat innerhalb der Familie entstandenen (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
5. Wie viele Fälle aus Frage 4 haben einen Migrationshintergrund?
6. Wie viele der in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Schwerbehinderten (bitte hier alle Arten von Behinderungen zusammenfassen) besitzen keine deutsche Staatsbürgerschaft (bitte nach Jahren seit 2012 aufschlüsseln) [1]

Die inhaltliche Stoßrichtung dieser kleinen Anfrage ist unschwer zu erkennen. Einmal mehr zielt die AfD darauf ab, kausale Zusammenhänge zwischen "Migrationshintergrund", aktuellen Zuwanderungsbewegungen und dadurch entstehenden Belastungen für Deutschland herauszustellen. Diese Anfrage ist von mehreren Personen vorbereitet, formuliert und im Namen ihrer Fraktion an den Bundestag gerichtet worden. Es darf also angenommen werden, dass etwaige Unschärfen und naheliegende Assoziationen im vollen Bewusstsein kalkuliert wurden – schließlich handelt es sich nicht um eine in der Pause auf dem Schulhof flüchtig hingeschmierte Hausaufgabe, sondern um eine Form der parlamentarischen Fragestellung, die zur Sorgfalt verpflichtet und natürlich mit den Grundwerten unserer Gesellschaft in Einklang stehen sollte.

Pöbelei gegen schwächere Menschen - ein Beweis der eigenen Stärke?

Das Muster ist bekannt: Erst werden die Grenzen des gemeinhin Sagbaren – wahlweise mit dumpfem Pathos oder wie in diesem Fall einfach nur schludrig – überschritten, um nach gelungener medienwirksamer Effekthascherei zurückzurudern, und dann auch noch den politischen Gegnern den schwarzen Peter zuzuschieben. Frei nach dem Motto: So war das doch alles nicht gemeint. Stichwort: Das wird man doch noch sagen bzw. fragen dürfen. Rechtsanwalt Jürgen Pohl, einer der Verfasser der Anfrage, inszeniert sich auf seiner Facebook-Seite u.a. als "Mann fürs Grobe", und folgt der Devise: "Jede Pöbelei nützt uns. Sie macht uns stark." [2]

In diesem Fall jedoch funktioniert die Masche nicht. Es gibt in Folge der Vernichtung so genannten "lebensunwerten Lebens" durch die Nationalsozialisten tatsächlich Grenzen, die jenseits von vermeintlich gutem oder schlechtem Geschmack, und jenseits von vermeintlicher "political correctness" liegen. Es sind die Grenzen, welche die Würde des Menschen schützen, und in diesem speziellen Fall die Würde jener Menschen, von denen viele zu den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft zählen. Wer eine Anfrage so formuliert wie die AfD-Politiker, macht das – kalkuliert – auf dem Rücken einer Gruppe von Menschen, die gar nicht erst differenziert wahrgenommen werden möchte (wie durch die erste Klammerbemerkung in Frage 6 deutlich wird), sondern die unter ideologischen Vorzeichen missbraucht wird, um die eigene Agenda voranzutreiben: Angst zu schüren. Angst vor dem ewigen Fremden. Und hier speziell: Die Angst vor dem die Gesellschaft belastenden Fremden, der Träger von "Behinderung" und – wie wir noch sehen werden: ansteckender Krankheit – sein könnte. Es war der Schweizer Psychoanalytiker Arno Gruen, der in zahlreichen Schriften herausarbeitete, dass es in ihrer Entwicklung gehemmte und tief ängstliche Menschen sind, die sich praktisch an ihre Angst klammern, jedoch die eigene Schwäche nicht eingestehen können, und umso destruktiver auf andere Menschen projizieren. Gruen erkannte, dass diese Menschen, die nichts in sich tragen, was sie als wertvoll empfinden, gegen das Lebendige sind und diesen Selbsthass oft in Fremdenfeindlichkeit ummünzen, ergo auch die Demokratie verachten. Nicole Höchst, die als Lehrerin mittlerweile für die AfD Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist, kann nicht so unbedarft sein, nicht zu ahnen, welche Assoziationen ihre Anfrage heraufbeschwört – und welche Verachtung anderer Menschen ihr innewohnt.

Schein-heiliger Missbrauch politischer Ämter

Der große christliche Humanist Max Picard stellte in seiner 1946 veröffentlichten und heute noch unbedingt lesenswerten Analyse des Nationalsozialismus fest: „Indem man die Menschen durch Entfernung der 'nutzlosen' Siechen und Irren nur auf den äußerlichen Zweck des sichtbaren Nutzens hin gelten ließ, reduzierte man nicht nur das Wesen des Menschen, man reduzierte sich auch selber: wer den Menschen nur nach dem einseitigen, psychologisch-vitalen Begriff beurteilt, der betrachtet auch alle anderen Phänomene einseitig, also falsch.“ [3]
In außergewöhnlich akribischer Recherche dokumentierte der Journalist und Schriftsteller Ernst Klee (1942-2013) jene so genannte "Euthanasie" im Dritten Reich, den an Menschen mit "Behinderung", seelischen und psychischen "Krankheiten" verübten Massenmord, in zahlreichen Beiträgen. Es wäre den Verfassern der Anfrage zu wünschen, dass sie sich die Zeit nehmen, einige von Klees Aufarbeitungen zu lesen und sich zum Beispiel in einer der Gedenkstätten zur "Euthanasie" zu informieren. Doch auch dann bliebe der Zweifel, ob sich die AfD-Politiker überhaupt bewegen (lassen) und etwas lernen wollen – oder ob ihnen eine respekt- und würdelose Pöbelei nicht wichtiger ist. Denn die obige Anfrage kann nur von Menschen getroffen werden, denen das Menschenleben nicht heilig ist, und die entgegen aller Beteuerungen, "christliche Werte" bewahren zu wollen, selbst vor allem eines sind: schein-heilig.

Während es sich bei der Anfrage im Bundestag offensichtlich um eine kalkulierte Provokation handelt, könnten die Aussagen des AfD-Fraktionsvorsitzenden im saarländischen Landtag, Josef Dörr, zum Thema Förderschulen und Inklusion auf den ersten Blick eine spontane Entgleisung im Rahmen einer Debatte darstellen. Quasi ein kurzer Moment der Gehirnamputation. Doch bei näherem Hinsehen scheint diese Vermutung kaum realistisch, handelt es sich bei Dörr nämlich um einen Sonderschulrektor im Ruhestand, also im Grunde um einen ausgewiesenen Experten. Am 18. April stellte selbiger im saarländischen Landtag folgenden Vergleich an: „Was aber unter keinen Umständen geht, ist, dass in dem gleichen Krankenhaus oder der gleichen Abteilung dann auch Menschen sind mit übertragbaren Krankheiten, schweren ansteckenden Krankheiten. Das ist ein Bild. Aber in der Schule haben wir die gleiche Situation. "Durch die Inklusion würden an Schulen „Kinder mit Downsyndrom unterrichtet (...) mit anderen Kindern, die ganz normal, gesund sind." [4]

Anfragen und Aussagen wie die hier zitierten offenbaren, dass die sich selbst als "Alternative" bezeichnende Partei keine tatsächliche Alternative darstellt – jedenfalls nicht für ein Deutschland, in dem rund zehn Prozent der Bevölkerung von "Behinderung“"direkt, und somit noch mehr Menschen mittelbar betroffen sind.
Nun sagt der Umgang einer Gesellschaft mit ihren schwächsten Mitgliedern Wesentliches über die Gesellschaft selbst aus. Wenn Politiker, noch dazu in Ämtern, die ein hohes Maß an Verantwortungsbereitschaft und an menschlicher Größe bedingen, über die schwächsten Mitglieder herablassend bis verächtlich reden, so spiegelt das vor allem eines: Dass sie ihrer Ämter nicht würdig sind und noch viel zu lernen haben.


In der AfD-freundlichen Wochenzeitung Junge Freiheit "kontert" Nicole Höchst, die "selbst Mutter eines behinderten Kindes ist", die von 18 Sozialverbänden in einer in der Frankfurter Allgemeine Zeitung per Anzeige formulierten Kritik an ihrer Anfrage: "Mir ernsthaft zu unterstellen, ich würde behinderten Menschen das Lebensrecht absprechen, macht mich fassungslos." [5] Nun trifft erstens der in diesem Artikel angedeutete vermeintlich logische Rückschluss, dass insbesondere nahe Angehörige von Menschen mit Behinderung im Hinblick auf deren Belange quasi über jeglichen Verdacht erhaben sind, nicht zu. Wer über tiefere Einblicke rund um die so genannte "Behindertenhilfe" verfügt, dem wird sich ein differenziertes Bild bieten, in welchem z.B. einige Eltern von Menschen mit Behinderung eine eher unglückliche Rolle im Hinblick auf die Selbstbestimmung ihrer Kinder spielen. Zweitens kann eine persönlich betroffene Politikerin, die eine solche Anfrage an den Bundestag richtet, eigentlich nicht so naiv sein, als dass sie nicht um die subtilen Implikationen genau jener Formulierungen wüsste, die sie selbst - das darf ihr unterstellt werden - bewusst getroffen hat. Und sollte sie sich dennoch, z.B. aufgrund mangelnden Bewusstseins der historischen Zusammenhänge, der offensichtlichen wie würdelosen Provokation nicht bewusst sein, so verwundert es, dass eine mittelbar Betroffene der Kritik der Sozialverbände nicht aufgeschlossener begegnet. Ist es nicht in ihrem eigenen Interesse, dass bei diesem Thema eine besondere Wachsamkeit eingefordert wird?
Offensichtlich ist das nicht der Fall. Einmal mehr folgt auf die bewusste Provokation und die öffentliche Reaktion darauf erst dann ein empörtes Zurückrudern. Das ist in diesem Fall umso peinlicher, weil es - ebenfalls einmal mehr - über die Köpfe der unmittelbar Betroffenen hinweg geschieht.

Auf die Perpetuierung der Angst folgt...?

Doch wie lässt sich mit solcher Angst, mit so viel (Selbst-)Hass, Menschen- und Lebensverachtung konstruktiv umgehen; noch dazu angesichts der Erfahrung, dass Angst – im Gegensatz zu "Behinderung" – in der Tat ansteckend sein kann?
Vor einer Weile habe ich die neunjährige Antonia (Name geändert) kennengelernt, ein Mädchen mit einer faszinierenden Persönlichkeit und Lebenslust - sowie Trisomie 21 und einer so genannten "geistigen Behinderung". Sie besucht mit einer Schulbegleitung eine dritte Klasse an einer Grundschule; also genau jene Konstellation, die es nach Dörr zu vermeiden gilt, damit die "gesunden, normalen" Kindern nicht von den "kranken" (?) Kindern mit "Behinderung" "angesteckt" werden. Antonia zeichnet vor allem eine unbändige Abenteuerlaune und ihre ansteckende Lebensfreude aus. Ich bin überzeugt, dass Josef Dörr und viele Anhänger seiner Partei einige wertvolle Lektionen von ihr lernen könnten: Vor allem, den ersten Schritt auf andere, fremde Menschen zuzugehen. Antonia hat selten Angst, sondern nimmt andere Menschen gerne an die Hand und lädt sie schnell zum gemeinsamen Spielen ein: Eine echte Alternative zu einem Leben, das von Ängsten bestimmt ist.
Sollte dieser Schritt gelingen, kann der nächste Schritt getan werden, z.B. jenen Menschen entgegen, die wissenschaftlich (und sogar mit Humor) die kulturellen Besonderheiten in den Blick nehmen, die bei Menschen mit Hilfebedarf kaum von der Hand zu weisen sind. Es ist nämlich keineswegs der Fall, als ob dieses Thema nicht bereits erforscht und vor allem in der täglichen Arbeit mit Menschen verschiedener Herkunft behandelt wird.

Nachtrag:

Viele meiner Freunde, Bekannten und Kollegen arbeiten als Lehrer oder Pädagogen an Schulen. Die theoretisch gut gemeinte Inklusion können sie praktisch oft nur schlecht umsetzen, weil es an Personal, Mitteln und Räumlichkeiten, sowie tragfähigen Konzepten mangelt. Dieser unzweifelhafte Missstand sollte jedoch nicht in kausale Zusammenhänge mit der oben skizzierten "Argumentation" gebracht werden, um eine Exklusion zu forcieren.


Quellen:

1. https://dipbt.bundestag.de/doc/btd/19/014/1901444.pdf
2. https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/politischer-alltag-im-parlament-wie-der-bundestag-die-afd-veraendert/21249722.html
3. Picard, Max: Hitler in uns selbst, Erlenbach-Zürich 1946, 61.
4. https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/saarland/afd-vergleicht-foerderschueler-mit-ansteckenden-patienten_aid-17434503
5. Meckelein, Martina: Es bleibt in der Familie, Junge Freiheit Nr.30/2018, S.4

Symbolbild Inklusion © Aktion Mensch

Juli 2018

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