Max Picard - Thorheiten

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Max Picard

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Der Mensch als Abfall von sich selbst

Bereits 1946 legte der christliche Humanist Max Picard eine vielschichtige und tiefgründige Analyse des Nationalsozialismus unter dem bezeichnend provokanten Titel Hitler in uns selbst vor, die auf zahlreichen Beobachtungen aufbaut, deren Anfänge bis in die Zeit vor der Weimarer Republik zurückreichen, jedoch bis heute nicht um einen Gran an Aktualität und Wichtigkeit eingebüßt haben.

Picard, von Beruf zunächst Arzt, dann freier Schriftsteller, verfügte offenbar über eine ebenso scharfsinnige wie feinfühlige Beobachtungsgabe, die nicht auf wissenschaftlichen Kategorien, sondern auf seinem menschlichen Erleben und einem pragmatisch konkreten Zugang zur Welt um ihn herum gründete. Er reflektierte Entwicklungen im Alltag sowohl direkt im menschlichen Handeln als auch in der Umgebung des Menschen, zum Beispiel Veränderungen der Medien wie Zeitungen und Illustrierte oder das damals noch relativ junge Radio – Medien, welche zu jener Zeit in der Präsentation und Kombination von Informationen neue Formate entwickelten. Ferner richtete er sein Augenmerk auf die neuen gesellschaftlichen Organisationsformen, sei es im privaten oder im öffentlichen Raum. Sein Zugang war ein menschlicher, wobei er sich nicht scheute, klare Kritik an Menschen zu üben. Picard formulierte als zentrale Schlussfolgerung, dass der moderne Mensch durch seine innere Zusammenhanglosigkeit Hitler bereits in sich selbst trug, bevor dieser quasi an die Macht befördert wurde. Hitler war dem Autoren zu Folge so zu sagen nichts weiter als die Form, die am Besten zum modernen, in sich selbst zusammenhanglosen Menschen passte, weil sie ihm einen Grad an Orientierung in seinem inneren Chaos vermittelte, den er selbst nicht mehr in sich trug. Diese innere Zusammenhanglosigkeit ging Picard zu Folge mit der äußeren Zusammenhanglosigkeit Hand in Hand und bereitete Hitler ein Feld, das im Grunde bereits erobert war:

„Das bewirkt, dass so ein Diktator, seinen ,Kampf', dessen es gar nicht bedurft hatte, um die Macht zu bekommen, nachzuholen versucht“, so Picard in seiner Erinnerung: „Er strengt sich an, jetzt, da er die Macht hat, sich mit allen Gebärden der Macht zu umschreien und durch Gewalt und Mord zu beweisen, dass er durch die eigene Aktion der Diktator ist und nicht durch den Zufall des Durcheinanders.“ Und weiter: „Nur in der Welt der totalen Diskontinuität konnte ein solches Nichts wie Hitler Führer werden, denn hier, wo alles zusammenhanglos ist, ist man gar nicht gewöhnt, Vergleiche zu machen. Es war nur das eine Nichts Hitler vor einem: In dieser Welt, wo jeden Augenblick alles wechselte, war man froh, dass wenigstens das eine Nichts Hitler sicher vor einem stehen blieb. In einer hierarchisch geordneten Welt wäre das Nichts Hitler von selbst ins Nichts gestellt worden, es hätte gar nicht gesehen werden können.“

Doch was genau meinte Picard mit dieser „Zusammenhanglosigkeit“? Er erkannte darin ein Phänomen, welches sich zunächst zeitlich auswirkte, indem es die Zeitdauer zum Augenblick zusammenschrumpfen ließ - hier gab es keinen Raum für Entwicklungen, keine Perspektiven in die Zukunft und auch keinen wirklichen Rückblick in die Vergangenheit, sondern Bedeutung hatte nach Picard nur der jetzige Augenblick. Gleichwohl die Vergangenheit oberflächlich verklärt und somit verfälscht wurde, entgingen die alten Menschen, die dem augenblicklichen Zweck im Wege standen, nicht der planvollen Aussonderung und Vernichtung, wie Picard erklärte:

„In dieser Welt der Augenblickhaftigkeit und Zusammenhanglosigkeit bedeutet der alte Mensch, dessen Wesen auf einer in der Dauer der Zeit gemachten Erfahrung gegründet ist und in dem überhaupt die Dauer und der Zusammenhang der Zeit sichtbar wird - der alte Mensch bedeutet nichts. Der alte Mensch gilt hier als der Mensch am Ende. Man sieht den Anfang vom Leben und die Mitte gar nicht, man sieht das Leben nicht als Ganzes, von dem Anfang, Mitte und Ende nur Teile sind, man sieht vom Alten nur das Endhafte, Abgebrauchte, das Erledigte, den Abfall. den man wegwerfen muss - darum entfernt man in dieser Hitlerwelt den alten Menschen als Abfall, auch mit Gift und Gewalt.“

Doch der Mensch wurde nach Picard nicht nur nach dem Alter kategorisiert, sondern generell nur noch nach künstlichen Kategorien eingeordnet und dementsprechend planvoll wie distanziert behandelt, was häufig auf seine Vernichtung hinauslief. Begegnungen im Sinne von Martin Buber wurden somit von vorneherein vereitelt, Verantwortungsgefühl sollte gar nicht erst entstehen (eine Beobachtung, die zunächst Bruno Bettelheim in „Aufstand gegen die Masse“ und später Zygmunt Bauman in seinem Buch „Dialektik der Ordnung“ vertieften), sondern der Mensch wurde auf Kategorien reduziert.

„In dieser Welt der Augenblickshaftigkeit hat man auch keine Zeit, mit dem Menschen zu leben und ihn zu erkennen“, so der Autor. „Man erledigt ihn kurz, indem man nach Rassenmerkmalen oder graphologischen Zeichen oder psychologischen Tests ihn rubriziert. Man hat auch nicht eine innere Kontinuität, in der man die Begegnung mit einem Menschen aufbewahren könnte: Man hält den Menschen nicht innen bei sich, in der Erinnerung, fest, sondern an der Rasse, an den graphologischen oder an den psychologischen Tabellen.“

Noch schärfer als die alten Menschen wurden diejenigen kategorisiert und vernichtet, welche von vorneherein als nutzlos galten. Rückblickend verleiht die folgende Einschätzung Picards seinem Buch einen ungeheuren Stellenwert, denn trotz seines humanistischen Zugangs bleibt sein Blick nicht am (heute in angeblichen Dokumentationen so genannten) „Einzelschicksal“ haften, sondern er erkennt die klare Struktur der Vernichtungsmaschinerie, die erst Jahrzehnte später in dieser Form thematisiert wurde:

„Man vernichtete fabrikmäßig, mit einer wissenschaftlichen Apparatur, die Bewohner der Siechen- und Irrenhäuser, man meinte, dass man so die Qualität des ganzen Volkes verbessern könne. Aber indem man die Menschen durch Entfernung der 'nutzlosen' Siechen und Irren nur auf den äußerlichen Zweck des sichtbaren Nutzen hin gelten ließ, reduzierte man nicht nur das Wesen des Menschen, man reduzierte sich selber: Wer den Menschen nur nach dem einseitigen, psychologisch-vitalen Begriff beurteilt, der betrachtet auch alle anderen Phänomene einseitig, also falsch.“

Diese Reduzierung des Anderen auf äußere Merkmale und die innere Zusammenhanglosigkeit lieferten nach Picard die Grundlage für die Akzeptanz einer Ideologie, welche schlichtweg paradox war, weil sie vorgab, die Natur zu ehren, den Menschen jedoch auch seiner letzten Natürlichkeit beraubte und ihn künstlich und wider seine Natur formte - wenn sie ihn nicht gleich tötete.

„Isoliert und verabsolutiert gerät die 'Rasse' außer Rand und Band, und so entstehen 'nordische Menschen' mit blondem Haar, das blonder ist, als je in der Welt des Maßes ein Mensch blond sein kann: es ist ein Blond, das aussieht wie gefärbt mit Wasserstoffsuperoxyd, und doch ist es das Blond der Natur, aber der verirrten, isolierten Natur. Und die Augen dieser 'nordischen Menschen' sind so heftig blau, so agassant blau, als sei die Farbe von der I.G.-Farben-Industrie geliefert - und doch ist es das Blau der Natur, aber der gepeitschten, zerstörten Natur.“

Und nicht nur der Mensch wurde Picard zu Folge seiner eigenen Natur beraubt, auch die Natur selbst wurde unter grotesk widersprüchlichen und schlichtweg falschen Vorannahmen durch den zusammenhangslosen Menschen des Dritten Reiches sprichwörtlich ohne Sinn und Verstand okkupiert:

„Die Nazis haben behauptet (.. ), dass sie mit der Natur mehr verbunden seien als die Menschen früher, Sie sagen, dass sie bloß 'leben' wollen, 'leben' wie die Natur lebe, ohne die Bewusstheit des Geistes, und so seien sie der Natur nahe. Aber der Mensch wird nicht Natur deshalb, weil er den Geist zerstört hat. Der Mensch, der den Geist vernichtet, auf den er gegründet ist, wird nicht Natur, er ist nur Abfall von sich selbst und wird Abfall in der Natur.“ Und er führt weiter aus: „Hätte der zusammenhanglose Mensch von heute in seinen Trümmern wenigstens noch einen Rest einer wirklichen Beziehung zur Natur, so würde es diese wirkliche Beziehung nicht zulassen, dass er, der zusammenhanglose Mensch, auch noch die Natur in seine Zusammenhanglosigkeit hineinzöge. Dann würde er überhaupt nicht wagen, sich der Natur zu nähern.“

Ähnliche Widersprüchlichkeiten und Verfälschungen erkannte der Autor in nahezu allen Lebensbereichen, in Wissenschaft, Kunst und Philosophie ebenso wie im Alltäglichen, wobei er heute noch existente Mythen bereits damals ihrer Falschheit überführte:

„Es stimmt z.B., dass es bei Hitlers 'Machtantritt' sieben Millionen Arbeitslose in Deutschland gab und 1939 nur noch sehr wenige arbeitslose Menschen. Das ist eine Feststellung. Aber es ist keine Wahrheit. Es ist sogar eine Lüge, trotzdem die Feststellung stimmt, denn die Herabsetzung der Arbeitslosenzahl gelang nicht dadurch, dass Hitler eine ungeordnete Welt ordnete, sondern dadurch, dass er eine ungeordnete noch ungeordneter machte, indem er die Arbeitslosen in der Kriegsvorbereitungsmaschinerie beschäftigte.“

Picard zu Folge gab es kaum ein Detail, welches nicht seines einstigen Inhalts beraubt und neu aufgeladen wurde; eine weitere Folge fehlender Kontinuität. Denn in einer Zeit, in welcher nur noch der Augenblick und das augenblickliche Erleben galt, die Vergangenheit verklärt und verfälscht wurde, jedoch keine wirkliche Beschäftigung mit dem Vergangenem mehr möglich war, konnten selbst einst heilige Zeichen verramscht und missbraucht werden:

„Wo das Hakenkreuz ein wirkliches Symbol war, bei den alten Germanen zum Beispiel: Da galt das Hakenkreuz als ein Zeichen dafür, nicht dass der Germane da war, sondern dass die Sonne da war. Das Sonnenrad war da auf der Erde und im Hakenkreuz, und das Hakenkreuz war die Mitte dieser Sonnenwelt Beim Hakenkreuz von heute ist keine Sonne da, wo es ist, sondern der Nazi ist da, es ist keine Sonnenwelt, sondern Sonnenfinsternis, eine von geronnenem Blut verdunkelte Welt der Sonnenfinsternis.“

Wie bereits erläutert: Max Picards Analyse ist umfassend, und mit spürbar starker Willenskraft geschrieben worden. Über mehr als eine Andeutung seines nahezu meditativen, dennoch sehr bewussten Vortrags komme ich an dieser Stelle nicht hinaus. Warum jedoch ist dieses Buch auch noch 70 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung so wertvoll? - Beim Lesen hatte ich keineswegs das Gefühl, Picard würde einzig über die Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reichs schreiben, denn mir kamen die Wahrnehmungen einer alles umfassenden Zusammenhanglosigkeit, einer Verdichtung auf das Augenblickhafte sowie die Verklärung, Verkitschung und fälschliche Mystifizierung doch nur allzu bekannt vor. „Hitler in uns selbst“ ist bereits deshalb die Lektüre wert, weil es völlig andere Perspektiven aufwirft als jene zeitgenössischen Dokumentationen, die nach wie vor Mythenfiguren schaffen, die es (mehr oder minder heimlich) zu bewundern gilt - und zwar aus unserer heutigen Zusammenhanglosigkeit heraus. Die Lektüre wirft ferner unablässig die Frage auf, inwiefern sich unsere Lebenszusammenhänge seitdem gefestigt oder noch weiter verflüssigt haben. Wird nicht auch heute noch das individuelle Leben häufig nach fragwürdigen Kategorien be- und verurteilt? Ist die heutige - unendlich vernetzte - Medienwelt nicht noch wesentlich zusammenhangloser als die damalige? Wie kommt es, dass sich nihilistische Menschenverachtung emeut stark in iugendlichen Subkulturen etablieren kann und junge Menschen sich mit Zeichen schmücken, deren Geschichte und Wert sie nicht kennen; dass sie andere Menschen hassen, obwohl sie diese Menschen nicht kennen, ja, ihnen wohl noch nie begegnet sind; dass die widersprüchlichsten und schlichtweg falschen Ideen erneut als Ausweg empfunden werden?

Innere und äußere Zusammenhanglosigkeit sind auch nur ein Ansatz (unter vielen), dies zu erklären, doch immerhin: Es ist ein Ansatz, der uns in die Verantwortung nimmt, bei uns selbst anzufangen und das eigene Denken und Handeln zu hinterfragen.


Geschrieben 2006, erstmals veröffentlicht 2007 im Mørkeskye Nr.11, für eine bessere Lesbarkeit leicht überarbeitet im Juli 2018.
Wie im Bildausschnitt oben zu sehen, schrieb Picard z.B. von der
Zusammenhangslosigkeit.

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