ZweiSichten - Thorheiten

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Schönwetter-Katholik und Ordensschwester sinnieren über das Leben

Kaum zu glauben: Wie konnte ich bloß an ein solches Buch geraten – mit christlicher Botschaft, noch dazu mit Hashtag-Overkill auf dem Einband? Nein, Mirko Kussin und ich kennen uns nicht, zumindest nicht im ursprünglichen Wortsinne. Getroffen haben wir uns ein, zwei mal auf gemütlichen Geburtstags-Gelagen im Garten eines befreundeten Antiquars, seitdem lesen und kommentieren wir gelegentlich unsere Notizen im Fratzenbuch. Und so kritikwürdig jene Datenkrake auch sein mag, sie offenbart mitunter ihre guten Seiten, denn ohne solch eine Form der oberflächlichen Vernetzung hätte ich den Autor wahrscheinlich längst aus den Augen und somit aus dem Sinn verloren.

Ehrlich gesagt: Beim Stöbern im Buchladen hätte ich "ZweiSichten" trotz des gar nicht mal uninteressanten Konzepts kaum in die Hand genommen oder gar eingepackt. Eine Mehr-als-nur-Klosterfrau und ein Mehr-als-nur-Werbetexter präsentieren ihre je eigene Sicht auf allerhand Lebensthemen. Dabei ergänzen und widersprechen sie sich, vertiefen einzelne Aspekte keineswegs zufällig, und philosophieren, wie es umgangssprachlich im Untertitel heißt, "über Gott und die Welt". Nun, was können zwei Menschen Mitte 40, schon groß zu sagen haben, was andere nicht auch schon (mindestens ebenso schlau) gedacht, gesagt, geschrieben hätten? Und noch dazu im mehr (Ursula Hertewich) oder minder (Mirko Kussin) steten Hinblick auf biblische Geschichten und Lehren?
Nachdem mich das Buch einige Tage hierhin und dorthin begleitet hat, kommt es mir nun so vor, als ob es erstaunlich viel ist, was die beiden Autoren darin zu Papier gebracht haben. Das mag einerseits daran liegen, dass es nicht bei ihrer Zwiesprache bleibt, sondern auch die eigene Erfahrung und Haltung zwischen den Zeilen abgefragt wird. Andererseits scheuen sich weder die Ordensfrau noch der professionelle Zeilenschinder, Einblicke in das eigene Seelenleben zu eröffnen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Die beiden schreiben über Zweifel, Ängste, Ärger und Hoffnungen auf eine Weise, die mitunter innehalten lässt. Der viel zitierte "Seelen-Striptease" wird – Gott sei Dank? – vermieden, der geschickte Aufbau des Buches gestaltet die Annäherungen an bewegende Fragen und Themen unaufdringlich. Da ich glaube, dass Reden – und Schreiben! – heilende Kräfte freisetzen kann, und dass in einer von Effizienzstreben und permanentem Konsum geprägten Welt das Reden über Menschliches, Allzumenschliches geradezu therapeutischen Nutzen hat, erlebe ich die Einsichten der Autoren als beispielhafte Angebote, von denen ich mir prinzipiell mehr wünsche.*
Vor einigen Jahren kamen die beiden bei einem Aufenthalt von Kussin im Kloster Arenberg, in welchem Hertewich lebt und wirkt, ins Gespräch – und hatten sich offenbar einiges zu erzählen. Den Mehrwert jener Unterhaltungen auch für andere Menschen bemerkte nicht zuletzt Kussins bessere Hälfte, und bald war die Idee zu diesem Buch geboren. Die Realisierung nahm noch einige Zeit in Anspruch, und ohne die helfende ordnende Hand des Verlags wäre es vielleicht bei der Idee geblieben. So jedoch dient sich „ZweiSichten“ zu kurzweiliger Lektüre an, die auch „zwischendurch“ funktioniert. Jedenfalls habe ich das Buch gerne in einer Pause im Café hervorgezogen, um bei einem frisch gebrühten Heißgetränk ins Gespräch mit ihnen einzusteigen, und einiges davon für Begegnungen andernorts mitzunehmen.

Kurzum: „ZweiSichten“ ist ein ungewöhnliches Buch, das sich weder in Klischees verliert, noch ausschließlich an der Oberfläche kratzt, sondern zum Mitdenken und -reden einlädt. Wenngleich ich den beiden Autoren in einigen Punkten nicht folgen mag, so erscheinen sie mir als sympathische Vertreter einer christlichen bzw. christlich geprägten Lebenskunst zu sein, welche die Begegnung ebenso wertschätzt wie den Rückzug, und blindem Dogmatismus abgeschworen hat.

* Ich weiß nicht, nach welchem festen oder offenen Muster Lesungen der beiden ablaufen, doch ich kann mir gut vorstellen, wie daraus Drei-, Vier- und NochMehrSichten werden.


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